Freitag, 15. Juli 2016

Bremerhavens Havenwelten - Deutsches Auswanderermuseum



Selten habe ich eine so spannende Präsentation erlebt. Beim Eintritt erhält man einen Boarding Pass, mit dem man sich auf 150 Jahre Auswanderungsgeschichte und Spurensuche begibt. So kann man den Lebensweg eines Auswanderers verfolgen, dessen Daten in den Boarding Pass gestempelt werden. Diese findet man in Schubladen wieder, die einer Passagierregistratur nachempfunden sind. Dort erfährt man mehr über persönliche Lebensumstände, Auswanderungsgrund usw. Natürlich kann man auch nach eigenen Ahnen forschen oder einfach aufs Geratewohl stöbern. Bald gelangt man in den Hafen, wie er um 1848 ausgesehen hat, bevölkert von lebensechten Figuren in Originalkleidung, mit Originalgepäck ausgestattet. Nun geht's hinauf, ins Schiffsinnere. Die dritte Klasse. Eine alte Dame, Kriegsgeneration, schüttelt den Kopf. Den Mut, also nein, den hätte sie nicht aufgebracht. Da würde es ihr heute Nacht im Traum noch grausen.
Weiter, einen Blick durchs Bullauge in die erste Klasse riskieren. Speiserestaurant, Kristalllüster, erlesene Menues, Champagner, Rauchsalon. Im Laufe der Jahrzehnte erhält glücklicherweise auch die "Holzklasse" einige Upgrades.
Am Ende der Überfahrt steht die Ankunft - im Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Nach stunden- oder tagelanger Wartezeit in drahtkäfigartig unterteilten Zonen sind dem Immigration Officer 29 Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Zwei Minuten sind dafür vorgesehen. Wer lügt und auffliegt, wird zurückgeschickt oder schlägt sich illegal durch. Wer ohne Geld, Beziehungen, Wagemut, Ideen, Ziele einreist, verliert sich in schnell wachsenden Slums. Soweit, so beklemmend aktuell.
Entsprechend befasst sich eine weitere Sektion mit 300 Jahren Einwanderungsgeschichte nach Deutschland. Auch hier kann man individuelle Lebenswege verfolgen - was auch Kinder spannend finden. Zitat: Etwa zehnjähriger Junge, ganz aufgeregt zum Kumpel: "Ey Jonas, hier kannste gucken, ob du Kanake bist."

Liebe Funfashion, vielen Dank für den schönen Bericht. Auf meiner To-do-Liste steht das Museum jetzt.

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